Otto Bock setzt den nächsten Meilenstein in der Prothetik-Geschichte.




Mit einer künstlichen Hand kann Christian Kandlbauer jetzt die Temperatur fühlen, raue und glatte Oberflächen unterscheiden und die Kraft eines Händedrucks spüren. Erstmals überträgt eine Prothese solche sinnlichen Wahrnehmungen über die Nervenbahnen zurück an das Gehirn: Ein Meilenstein in der Prothetik-Geschichte. Das Medizintechnik-Unternehmen Otto Bock HealthCare hat den Prototyp dieser bahnbrechenden Weiterentwicklung der gedankengesteuerten Armprothese am Freitag (27. November 2009) in Wien erstmals vorgestellt.
Nervenstränge bestehen aus einer Vielzahl von Nervenfasern, die in zwei Gruppen eingeteilt werden: die motorischen (efferenten) und die sensorischen (afferenten) Fasern. Für die Motorik sind die efferenten Fasern eines Nervenstrangs zuständig, die afferenten Fasern übertragen in entgegengesetzter Richtung die sensorischen Wahrnehmungen. Die fühlende gedankengesteuerte Prothese nutzt jetzt beide Fähigkeiten.
„In der Zeigefingerkuppe der Prothesenhand sind Mikrosensoren integriert, welche die Temperatur, die Griffkraft und die Oberflächenbeschaffenheit eines gegriffenen Objektes erfassen“, erklärt Dr. Hubert Egger, Leiter des Projekts „Gedankengesteuerter Arm“.
Die gemessenen Daten werden mittels eines Mikrochips in geeignete Stimuli „übersetzt“ und zu Aktuatoren auf der Haut übermittelt. Diese erzeugen naturgetreue Reize für die Rezeptoren der sensiblen Nervenfasern, die im Gehirn zu einer wiedererlangten Wahrnehmung führen: der Prothesenträger fühlt wie vor der Amputation mit dem Zeigefinger seiner natürlichen Hand. „Christian Kandlbauer bewegt nicht nur seinen Arm mit Hilfe der Vorstellung eines natürlichen Arms, sondern er hat auch das Gefühl der Hand zurückgewonnen“, sagt Dr. Hans Dietl, Geschäftsführer der Otto Bock Healthcare Products GmbH in Wien.
Die fühlende Prothese ist ein Prototyp. Dr. Hans Dietl rechnet mit einer weiteren Entwicklungszeit von circa vier Jahren. Erst danach wird sie Christian im Alltag nutzen können. Die gedankengesteuerte Prothese hingegen ist bereits im Alltag einsetzbar. Christian Kandlbauer trägt sie auf der linken Körperseite. Rechts benutzt er den DynamicArm®, eine bereits im Markt bewährte muskelgesteuerte Armprothese. Sie setzt die bei Muskelanspannungen entstehenden elektrischen Spannungen über Elektroden auf der Haut in Steuersignale für die Prothese um. Dem inzwischen 23-jährigen Österreicher mussten vor fünf Jahren beide Arme nach einem Starkstromunfall amputiert werden.
Die gedankengesteuerte Alltagsprothese wurde am 13. November 2009 im Otto Bock Science Center Medizintechnik in Berlin vorgestellt. Mit der Neuentwicklung kommt Christian Kandlbauer völlig selbstständig zurecht und geht seinem Beruf als Lagerist nach. Den Weg zur Arbeit fährt er inzwischen in seinem eigenen Auto. Und auch da: allein und ohne fremde Hilfe.
In Berlin war der von Otto Bock und Fahrzeug-Spezialist Paravan durchgeführte Umbau des Autos gezeigt worden. Das Fahrzeug enthält technische Details wie zum Beispiel eine besonders leichtgängige Servolenkung und eine Ausfallsicherung. Diese stellt sicher, dass selbst im unwahrscheinlichen Fall einer Motorstörung die Leichtgängigkeit der Lenkung aufrecht erhalten bleibt.
Grundsätzlich gehört zum Auffälligen dieses Autos aber eher, dass es eben nicht besonders auffällt. Allenfalls noch, dass Sekundärfunktionen wie Blinker, Hupe oder Fensterheber mit Tastendruck ausgelöst werden und das Lenkrad einen Haltegriff für die rechte Prothesenhand besitzt.
Dem Führerschein-Neuling blieb bewusst erspart, gleich in den Berliner Stadtverkehr einzufädeln. Auf den nicht weniger hoch frequentierten Straßen Wiens trat er die Heimfahrt in die Steiermark nun bereits ganz souverän an, mitten in der Stadt am Museum für Angewandte Kunst (MAK).
Ob er Autofahren mit zwei Armprothesen lange habe üben müssen? „Üben musste ich natürlich schon. 26 Fahrstunden habe ich vor der Prüfung genommen“, antwortet Christian Kandlbauer. Mit zwei Armprothesen hat er also kaum mehr Fahrstunden gebraucht als andere Autofahrneulinge auch.
