Arthrose im Knie

Wie sie entsteht. Was hilft. Wie man vorbeugen kann.

Interview mit Dr. Hartmut Stinus, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin, Chirotherapie, Physikalische Therapie, Rettungsmedizin und zertifizierter Fußchirurg (GFFC). In der orthopädischen Gemeinschaftspraxis „Orthopaedicum“ in Northeim bei Göttingen ist er Seniorpartner. Er versorgt jährlich über 1.000 Arthrosepatienten.

1. Dr. Stinus, als praktizierender Orthopäde sehen Sie jeden Tag eine Vielzahl von Arthrosepatienten. Können Sie kurz erklären, was eine Arthrose ist und wo eine Arthrose am häufigsten auftritt?

Von einer Arthrose reden wir, wenn der Knorpel in einem Gelenk verschleißt. Das wirkt sich natürlich auf das Gelenk aus und viele Betroffene klagen über Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. Grundsätzlich können alle Gelenke des Körpers betroffen sein. Arthrose in der Hand und im Handgelenk ist beispielsweise sehr häufig, denn dort befinden sich sehr viele Knochen und Gelenke, die stark beansprucht werden und damit auch verschleißen können. Gleiches gilt für das Knie- und Hüftgelenk. Sie tragen das komplette Körpergewicht und sind damit enormen Belastungen ausgesetzt, sehr oft zusätzlich durch zu intensives Sporttreiben.

2. Wodurch kann eine Arthrose denn entstehen?

Die Ursachen für eine Arthrose sind sehr vielfältig. Bei einer Kniearthrose, in der Fachsprache Gonarthrose genannt, kann unter anderem eine Fehlstellung des Beines oder der Beine eine Arthrose begünstigen. Bei X- oder O-Beinen werden die Kräfte beim Gehen dann so in das Gelenk geleitet, dass dort auf engem Raum großer Druck entsteht und der Gelenkknorpel verschleißt. Aber auch Knorpelverschleiß durch einen Unfall – im Knie häufig ein Meniskus- oder Kreuzbandriss – und schließlich Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises oder ganz einfach die genetische Veranlagung können Ursachen für eine Arthrose sein.

3. Unter welchen Beschwerden leidet ein Arthrosepatient?

Im Anfangsstadium treten Schmerzen im Gelenk immer wieder über einen längeren Zeitraum auf, sie sind aber zunächst nicht dauerhaft. Im mittleren Stadium einer Arthrose ist dann die Beweglichkeit eingeschränkt. Zudem besteht ein sogenannter „Anlaufschmerz“, wenn man beispielsweise morgens aufsteht. Er hält an, bis die Gelenke warm sind. Im späteren Stadium kommt es zum Belastungsschmerz, der, wie es der Name schon sagt, permanent bei der Beanspruchung des Gelenkes zu spüren ist. In manchen Fällen kann es auch zum Ruheschmerz kommen, das ist für eine Arthrose jedoch eher untypisch.

4. Es gibt viele Behandlungsmöglichkeiten bei Arthrose. Welche Bausteine in der Behandlung von Kniearthrose-Patienten sind wichtig, um eine weitere Verschlechterung des Krankheitsbildes zu verhindern?

Krankengymnastik stärkt die Muskulatur und verbessert die Beweglichkeit des Kniegelenks. Bei Schwellungen ist zudem eine medikamentöse Behandlung ratsam. Es gibt auch bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, die zur Verbesserung des Knorpelstoffwechsels beitragen. Hier fehlt zwar noch der wissenschaftliche Nachweis, aber viele meiner Patienten berichten von positiven Effekten. Was nach meiner Ansicht immer wichtiger wird ist die Verordnung von Orthesen. Sie verbessern die Statik und Dynamik beim Gehen. Die neueste Entwicklung hierbei ist eine Orthese, die nicht wie bisher am Knie sondern am Fuß ansetzt. Ihre Wirkweise kann man so erklären: Die Orthese überbrückt das Sprunggelenk und beeinflusst die Abrollbewegung des Fußes während des Gehens. Dadurch wiederum verschieben sich die Kräfte, die auf das Knie wirken, das Kniegelenk wird entlastet und die Schmerzen lassen nach. Die Wirkung dieser Orthese (AgiliumFreestep) wurde wissenschaftlich untersucht und viele Patienten, die mit ihr versorgt wurden, spüren eine deutliche Verbesserung ihrer Kniebeschwerden. Darüber hinaus ist die Orthese angenehm zu tragen, was natürlich auch nicht zu unterschätzen ist. Viele meiner Patienten, für die aufgrund ihrer starken Beschwerden eine Operation der letzte Ausweg gewesen wäre, konnten mit der Agilium Freestep zufriedenstellend versorgt werden.

5. Wie bereits oben durch Sie beschrieben sind die Stadien der Kniearthrose unterschiedlich. Bis zu welchem Grad kann eine Kniearthrose mittels einer Orthese behandelt werden, so dass eine Operation verschoben oder abgewendet werden kann?

Ich will es so zusammenfassen: Wenn der Patient mit seiner Kniearthrose nicht mehr weiter als 500 Meter gehen kann und auch noch nachts schmerzgeplagt ist, dann sollte eine Operation ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Im Anfangsstadium und auch im mittleren Stadium rate ich von einer OP ab, denn jeder chirurgische Eingriff birgt auch Komplikationsmöglichkeiten. Das muss man sich bewusst machen. Auch, dass ein künstliches Knie das natürliche Knie nie adäquat ersetzen kann, steht fest. Daher wehre ich mich auch gegen die Bezeichnung vieler die sagen, sie bekämen ein neues Knie. Es ist kein neues Knie, sondern ein Kunstgelenk. Der größte Vorteil einer Orthese gegenüber einer Operation ist jedoch, dass eine Orthese voll reversibel ist. Legt der Patient die Orthese ab, ist der Ursprungszustand wieder vorhanden, während man mit einer Operation unumkehrbare Fakten schafft.


Zugehörige Produkte